Der Eisenkettentag I
"And this is why I don't like job interviews." Selbst wenn sie damit ihre Position verbessern könnte. Wie wir alle. Sie sitzt mir in der Lobby unseres Hotels gegenüber und bäst dicke Rauchschwaden in die Luft. Der Kollege läßt noch auf sich warten.
Meine Lieblingskollegin ist Anfang, Mitte fünfzig. Ihr halbes Leben hat sie in der U.S.-Armee verbracht, die sie vor ein paar Jahren als Major und mit einem MBA verlassen hat. Ihr Habitus ist von einer herrlichen Geringschätzung gegenüber unserer momentanen Umgebung geprägt, ein großer Konzern mit vielen Stümpern darin, und ebenso den paar Dilletanten aus unserem - ihrem permanenten, meinem temporären - Laden gegenüber. Wir haben uns häufig einen Spaß daraus gemacht, morgens ausgiebigst im Hotel zu frühstücken und zu einer für Berater leicht unziemlichen Zeit im Konzern zu erscheinen, wo wegen stümperhafter Zuweisung von Aufaben ohnehin nichts für uns zu tun war. Wenn sie mit ihrem breiten texanischen Akzent und der zigarettengeschwängerten, entsetzlich lauten Stimme den halben Bürokorridor füllte (bei offener Tür), war ich hin- und hergerissen zwischen meiner Angst, unsere tageszeitfüllenden Unterhaltungen könnten in der Abteilung Mißfallen erregen, und meiner eigenen Quatschlaune - ich hätte mich den ganzen Tag mit ihr unterhalten und ihren Anekdoten lauschen können. Berlin in den Siebzigern, Besatzungssoldatin. Zwei Touren in Mittel- und Südamerika. Unter ihren einstigen Vorgesetzten ein Typ namens Ollie North. "If you ever plan on invading a small country, I'm your girl."
Zur Rechtfertigung, warum wir ab und zu die erste Morgenstunde blaumachten, hielt sie immer für mich parat: personal development. Von ihr erfuhr ich, wie ich diverse Leute in Führungspositionen auf beiden Seiten des Atlantiks einzuschätzen hatte. Außerordentlich wertvoll, wenn -
Immer noch kein Kollege. So erzählt sie mir die Geschichte ihrer Schwester, mortgage broker, die eine Abteilung von 40 Leuten führte und eines Tages von der Firmenleitung die Aufgabe bekam, von ihren Leuten einen bestimmten Prozentsatz zu entlassen. Sie rebellierte dagegen und nahm ihe komplette Abteilung mit.
Dann ein Vorstellungsgespräch, bei dem nicht nur ihre, sondern die berufliche Zukunft der ganzen Abteilung zur Debatte stand. Völlig am Ende unter der Last der Verantwortung, entschuldigte sie sich dreimal während des Gesprächs, um sich auf der Toilette zu übergeben. Schließlich bekam sie den Job wie durch ein Wunder, und mit ihr ihre ganze alte Abteilung. Später fragte sie ihren Chef, wie er sie unter diesen bizarren Umständen überhaupt einstellen konnte. Seine Antwort war: "Sie brauchten diesen Job so dringend, ich hatte doch überhaupt keine andere Wahl als Sie zu nehmen!"
Wir kamen an diesem Herbsttag 2006 überein, daß Vorstellungsgespräche generell so unangehm sind, daß die Schwelle, aus lästigen Zuständen innerhalb des aktuellen Jobs zu fliehen, recht hoch ist. Zumindest bei uns beiden.
Im Februar 2007 sollte sie mich im Stich lassen, als es darum ging, die angebotene Empfehlung für Long Island zu schreiben.
Meine Lieblingskollegin ist Anfang, Mitte fünfzig. Ihr halbes Leben hat sie in der U.S.-Armee verbracht, die sie vor ein paar Jahren als Major und mit einem MBA verlassen hat. Ihr Habitus ist von einer herrlichen Geringschätzung gegenüber unserer momentanen Umgebung geprägt, ein großer Konzern mit vielen Stümpern darin, und ebenso den paar Dilletanten aus unserem - ihrem permanenten, meinem temporären - Laden gegenüber. Wir haben uns häufig einen Spaß daraus gemacht, morgens ausgiebigst im Hotel zu frühstücken und zu einer für Berater leicht unziemlichen Zeit im Konzern zu erscheinen, wo wegen stümperhafter Zuweisung von Aufaben ohnehin nichts für uns zu tun war. Wenn sie mit ihrem breiten texanischen Akzent und der zigarettengeschwängerten, entsetzlich lauten Stimme den halben Bürokorridor füllte (bei offener Tür), war ich hin- und hergerissen zwischen meiner Angst, unsere tageszeitfüllenden Unterhaltungen könnten in der Abteilung Mißfallen erregen, und meiner eigenen Quatschlaune - ich hätte mich den ganzen Tag mit ihr unterhalten und ihren Anekdoten lauschen können. Berlin in den Siebzigern, Besatzungssoldatin. Zwei Touren in Mittel- und Südamerika. Unter ihren einstigen Vorgesetzten ein Typ namens Ollie North. "If you ever plan on invading a small country, I'm your girl."
Zur Rechtfertigung, warum wir ab und zu die erste Morgenstunde blaumachten, hielt sie immer für mich parat: personal development. Von ihr erfuhr ich, wie ich diverse Leute in Führungspositionen auf beiden Seiten des Atlantiks einzuschätzen hatte. Außerordentlich wertvoll, wenn -
Immer noch kein Kollege. So erzählt sie mir die Geschichte ihrer Schwester, mortgage broker, die eine Abteilung von 40 Leuten führte und eines Tages von der Firmenleitung die Aufgabe bekam, von ihren Leuten einen bestimmten Prozentsatz zu entlassen. Sie rebellierte dagegen und nahm ihe komplette Abteilung mit.
Dann ein Vorstellungsgespräch, bei dem nicht nur ihre, sondern die berufliche Zukunft der ganzen Abteilung zur Debatte stand. Völlig am Ende unter der Last der Verantwortung, entschuldigte sie sich dreimal während des Gesprächs, um sich auf der Toilette zu übergeben. Schließlich bekam sie den Job wie durch ein Wunder, und mit ihr ihre ganze alte Abteilung. Später fragte sie ihren Chef, wie er sie unter diesen bizarren Umständen überhaupt einstellen konnte. Seine Antwort war: "Sie brauchten diesen Job so dringend, ich hatte doch überhaupt keine andere Wahl als Sie zu nehmen!"
Wir kamen an diesem Herbsttag 2006 überein, daß Vorstellungsgespräche generell so unangehm sind, daß die Schwelle, aus lästigen Zuständen innerhalb des aktuellen Jobs zu fliehen, recht hoch ist. Zumindest bei uns beiden.
Im Februar 2007 sollte sie mich im Stich lassen, als es darum ging, die angebotene Empfehlung für Long Island zu schreiben.
Booldog - 2007-06-16 23:26

